Berichte von 02/2018

27Februar
2018

Die Vergangenheit, über die nicht geredet wird...

How are you? - I am fine.

Standartkonversation. Routine. Alltag. Kein Inhalt. Welten entfernt. Kein Verständnis. Kommunikationsproblem. Schweigen.
Leider möchte ich in diesem Eintrag einmal ein sehr trauriges Thema aufgreifen, welches mich trotz meiner tollen Zeit hier sehr beschäftigt. Seit ich aus Samjhana zurück bin, bin ich hier im Kinderheim so glücklich wie noch nie zuvor. Es ist, als hätte sich ein Schalter umgelegt. Die Zeit mit den Kindern und auch mit den Volunteers ist wirklich unglaublich toll und ich glaube ich realisiere das jetzt erst, weil sich mein Abenteuer schon dem Ende neigt...meine letzen Wochen sind angebrochen und das Ende dieser unglaublichen Erfahrung rückt bereits in absehbare Nähe.
Und da trifft es mich natürlich, wenn ich trotz monatelanger Versuche immer noch nicht alles verstehen kann.
In diesem Eintrag soll es um Dorchi gehen. Den Jungen, der nicht über Gefühle spricht, der Streit meidet und keine Hilfe zu lässt. Den kleinen Kerl, den ich so lieb gewonnen habe und der niemanden an sich heran lässt. Er ist 13 (oder zumindest vermutet man das). Er hat das Schulsystem durchschaut. Er ist teamfähig, sorgsam und verantwortungsbewusst. Mit ihm kann man viel Lachen, aber manchmal trifft man auf seinen empfindlichen Kern....und dann macht er zu. Verschließt einfach die Tür und ist ein anderer. Spricht kein Wort mehr mit mir oder irgendwem sonst. Dann braucht er seine Ruhe.
„Wie geht es dir?“ Und immer bekommt man die selbe Antwort. „Mir geht es gut!“ Egal was das Kind gerade Denkt und welche Sorgen es hat, es wäre zu schwierig, es zu erklären. Vor Allem in einer fremden Sprache. Und dann auch noch einer „fast“ fremden Person...einer Praktikantin, die eine von vielen ist. Die keine Ahnung hat. Die kommt und geht wann sie will.
Mich macht es sehr traurig, dass die Kinder so denken müssen, dass sie keine feste Bezugsperson haben, keine Konstante in ihrem Leben. Und dennoch: Es geht ihnen hier so viel besser als zuvor.
Alle Kinder sind gleich und werden gleich behandelt, egal wie ihre Vergangenheit aussah. Über die Vergangenheit wird nicht gesprochen.
Dorchis Vergangenheit kannte ich auch lange nicht, aber wenn man die Geschichten der Kinder kennt, dann sieht man sie immer ein bisschen mit anderen Augen. Man bringt viel mehr Verständnis für ihr Verhalten auf.
Dorchi ist in den Bergen aufgewachsen, wie ca. 60% der nepalesischen Bevölkerung. Er kann aus Höhen runterspringen, wo sich jedes andere Kind, das ich kenne, die Beine gebrochen hätte und klettern wie ein Weltmeister.
In dem kleinen Dorf, in dem er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte, ging er nicht zur Schule. Sein Vater starb, als er noch sehr klein war und seine Mutter hatte nicht genügend Geld, ihren Kindern Bildung zu ermöglichen geschweige denn vernünftig zu ernähren. Die Mutter hatte Schulden und diese Schulden musste der jüngste Sohn abarbeiten. Der jüngste Sohn war Dorchi. Er wurde von seiner Mutter getrennt und arbeitete irgendwo in einer Lodge. Dort wurde er sklavenähnlich behandelt und hatte keine Möglichkeit seine Kindheit auszuleben. Er musste schwere Sachen tragen, in der Küche helfen, Holz sammeln,...
Man weiß nicht, wie viele Jahre er da arbeiten musste, aber die Schulden waren schon längst abbezahlt, als ein nepalesischer Journalist zufällig bei der Lodge auftauchte und einen Bericht über Dorchi schrieb. Über Kinderarbeit, über Armut, über Verzweiflung. Durch diesen Bericht wurde ein Schulleiter aus Kathmandu auf den Jungen aufmerksam. Er nahm ihn für ein Jahr zu sich und ließ ihn seine Schule besuchen. Doch länger als ein Jahr könnte auch er das nicht mehr finanzieren und es wurde ein Aufruf gestartet, bei dem sich der Schulleiter der SEB-School meldetet. Die SEB-School ist die Schule, auf die alle Kinder aus dem Haus der Hoffnung gehen. Dieser Schulleiter schlug vor, sich an Ellen Bzw das Kinderheim zu wenden.
Und so kam Dorchi zu uns. Das war jetzt vor ca. 2 Jahren und sein Englisch ist innerhalb dieser Jahre so gut geworden und er hat es geschafft, ohne je zuvor Lesen oder Schreiben gelernt zu haben, jetzt in der 4. Klasse zu sein.
Jetzt stehen die finalen Klausuren kurz bevor und wir haben die letzten Tage fleißig für die Pretests gelernt, die ab morgen beginnen.
Ich bin gespannt, wie die laufen werden und vor Allem freue ich mich schon riesig aufs Holifestival.
Wir werden Donnerstag mit den Kids zusammen feiern und dann mit den Nepalesen aus dem Apartment, die auch vom Verein unterstützt werden, in die Stadt gehen. Dort wird wohl richtig was los sein. Die Nepalesen sind ganz verrückt, was das Fest der Farben an geht!
Ich werde meine letzten 4 Wochen hier sehr genießen und freue mich aber gleichzeitig schon sehr, wieder zurück in Deutschland zu sein.

17Februar
2018

Zurüch Zuhause in KTM?

4 Wochen...4 Wochen haben wir in diesem kleinen Örtchen am Rande der indisch-nepalesischen Grenze verbracht. 4 wunderbare, erfahrungsreiche Wochen. 4 Wochen voller Spaß und Lernen, voller toller Menschen und guter Freunde. Eine Zeit, an die ich mich noch in Jahrzehnten gerne zurück erinnern werde! Eine Zeit voller Erlebnisse. Positive so wie Negative.?
In dieser Zeit habe ich so sonderbare Dinge gesehen und erlebt, viel gelernt und viel gelehrt.?‍?
Diese Zeit kann mir keiner mehr nehmen und ich bin so froh, sie mit Leonie und Feli gemeinsam erlebt zu haben.
Ich kann jetzt nicht nur in Perfektion ein kreisrundes Roti ausrollen, sondern auch wie ein Filmstar Autogramme geben und stundenlang für Fotos lächeln.? Wir waren so beliebt, dass jeder mit uns ein Foto machen musste! Und ich will gar nicht wissen, wie viele davon (und von den Videos, in denen wir tanzen und singen) schon auf Facebook gestellt wurden.? Die Menschen sind hier sehr mitteilungsbedürftig. Die ganze Welt soll wissen, wen sie getroffen haben und was sie erlebt haben. In gewisser Weise bin ich auch so...ich teile meine Erfahrungen, meine Reise, mit euch (denen, die es interessiert) und freue mich jetzt schon viel zu erzählen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Meine Geschwätzigkeit bin ich hier nämlich noch nicht los geworden.
Dafür weiß ich jetzt, wie man nichts tuen kann, ohne dass einem langweilig wird. Nichts tuen war nämlich eigentlich noch nie so mein Ding! Obwohl ich oft noch auf völlige Verständnislosigkeit treffe, wenn ich die Nepalesen rumsitzen sehe und genau weiß, dass sie das den größten Teil ihrer Lebenszeit machen. ?‍♀️Am Anfang meiner Nepalzeit habe ich immer gedacht sie warten auf irgendwas. Doch jetzt weiß ich, dass „enjoy“ das größte Glück ist, was man erreichen kann. „Just sit down and enjoy“, pflegte unsere Gastmutter immer zu sagen. „Setzt euch einfach und genießt.“ Genießt das Leben. Seit froh, über alles, was ihr habt und erleben dürft.
Und das habe ich getan. Ich habe zu schätzen gelernt, was Zuhause bedeutet, wie wichtig Familie und Freundschaft ist. Wie wichtig es ist, Zeit für sich zu haben, aber auch sie mit anderen zu teilen. Man muss sich auf alles einlassen können. Alles ausprobieren. Und niemals voreingenommen zu sein!
Ich werde hier jetzt vielleicht ein bisschen tiefgründig, moralisch und belehren, doch irgendwie fühlt es sich richtig an, dies alles mal raus in die Welt zu tragen.
Unsere Erfahrungen zu teilen ist nämlich auch ein wichtiger Schritt zur Bildung.
Bildung. Das war das Wort, über das ich auch viel nach gedacht habe und welches viele Diskussionen aufwirft. „Education“. Die Kinder hier lernen, wie wichtig Bildung für sie und unsere Welt ist. Und wir deutschen Schulkinder wissen gar nicht, wie gut wir es in Schulen in Deutschland haben! Ausgebildete Lehrer, beheizte Klassenräume, Tische, Stühle, Tafel, Beemer,...so etwas trafen wir in Samjahna selten an.
Die Zeit verging so unfassbar schnell und mittlerweile sind wir schon seit Donnerstag wieder in Kathmandu.?
Dieses Mal dauerte die Fahrt nur 18h, doch die ganze Nacht bekam ich kaum ein Auge zu...aber egal! Die Kids warten! Wir haben uns riesig auf das Wiedersehen gefreut und waren hochmotiviert auch im Heim jetzt wieder mehr zu bewegen.
Die letzten beiden Tagen war hier volles Programm, weil die Kinder frei hatten. ? Es ist wirklich wie nach Hause kommen, so heimisch ist das Haus der Hoffnung schon für mich geworden und die Kinder mit ans Herz gewachsen.
Jetzt sind es sogar nur noch weniger als 6 Wochen für mich...nichtmal mehr so lange, wie die Sommerferien! Das fühlt sich jetzt nach 5 Monaten so schrecklich kurz an.? Aber ich werde die verbliebene Zeit definitiv genießen!

01Februar
2018

Samjhana „ELITE“ Academy?

Die Hälfte haben wir jetzt schon wieder rum von unserer Zeit als Lehrerinnen...
Hier in Samjhana an der Samjhana Elite Academie und in unserer Gastfamilie gefällt es uns nach wie vor sehr gut!? Ein paar Herausforderungen standen zwar für uns bereit, doch gemeinsam haben wir bis jetzt alles hin bekommen.
Ich fange mal dort an, wo mein letzter Eintrag geendet hat:
Duschen. Oder viel mehr eisbaden. Natürlich war das Wetter an diesem ersten Samstag schlechter als an den Tagen zuvor und der Strom ging auch nicht. Durch Pumpen machten wir uns ein bis zwei Eimer mit eiskaltem Wasser voll, tunkten unseren Kopf in einen davon, schäumten uns die Haare mit dem neugekauften, hellblauen, glitzernden Shampoo ein (ich hab nämlich unser Gemeinschaftsshampoo in KTM vergessen?) und kippten uns anschließend das kalte Wasser aus den Eimern über. Unseren Körper haben wir drinnen gewaschen, in einem klitzekleinen Raum neben dem Klo. Dort schleppten wir volle Wassereimer hin und duschten nacheinander. Einer musste immer die Tür, die nicht ganz zu ging, zuhalten. Ich glaube so schnell habe ich mich noch nie gewaschen!
Aber daran gewöhnt man sich auch. Gebell habe ich das Gefühl, man lernt hier, sich an alles zu gewöhnen und alles hin zu nehmen.
Und damit meine ich nicht nur, dass wir immer wieder von Durchfall, Kopfschmerzen, Fieber und Erkältung geplagt werden, sondern zum Beispiel auch, dass die Kinder hier von den Lehrern geschlagen werden. Zum Glück nicht so doll, dass man es noch als kulturelle Verschiedenheit bezeichnen kann, aber schon so, dass wir alles versuchen um den Lehrern bei zu bringen, dass es nichts bringt. Die Schüler sollten nämlich Respekt und keine Angst vor ihren Lehrern haben. Hierbei treffen wir aber direkt auf das nächste Problem....die Kommunikation. Leider (und das trotz Schulbüchern auf Englisch) können hier nur sehr wenige Dorfbewohner Englisch sprechen oder verstehen. Nichtmal die Lehrer beherrschen die Sprache, die sie den Kindern eigentlich beibringen sollen.?
Alle Schulbücher (außer die für den Nepali Unterricht) sind auf Englisch. Dementsprechend müssen die Schüler die Texte in Sience, Social, Moral, Math, GK(General Knowledge) und Occupation auf englisch lesen und verstehen können. Da aber schon allein das lesen Probleme bereitet, besteht der Unterricht hier eigentlich nur daraus, dass der jeweilige Lehrer den Text vorliest und anschließend versucht ihn so gut es geht auf Nepali zu übersetzen. Totaler Schwachsinn im meinen Augen! Da sollen sie doch lieber den gesamten Unterricht auf Nepali machen, dann würden die Kinder zumindest den Inhalt der Themen verstehen und die Fragen selbstständig beantworten können.?? Das Problem der Lehrer ist aber neben den Sprachdefiziten auch noch, dass sie überhaupt nicht ausgebildet sind, teilweise sogar selber gerade erst mit der Schule fertig sind. Fachwissen ist hier absolute Fehlanzeige!
Wir unterrichten nicht nur Englisch, sondern auch die anderen Fächer, aber da sitzen die Kinder auch oft mit fragenden Blicken auf ihren viel zu kleinen Schulbänken in den viel zu dunklen und kalten Klassenräumen. Wir haben uns aufgeteilt und sind immer alleine in einer Klasse meist mit einem nepalesischen Lehrer, der zur Not übersetzen kann.
Morgens um 10 Uhr startet die Schuld mit der Morningassembly. Die Schüler müssen in Lines gerade stehen, den Anweisungen eines Lehrers folgen, beten und die Nationalhymne singen.??
Anschließend, gegen 10:20 Uhr, beginnt die erste Stunde. Jede Stunde geht 40min, zwischen den Stunden ist keine Pause bis zum Mittag um 13 Uhr. Dann haben die Kinder 20min Zeit zum Essen und Spielen.
Mein Stundenplan sieht wie folgt aus:
1. Stunde: English reader (Klasse 2)
2. Stunde: English reader (Klasse 4)
3. Stunde: Moral (So-Di) und English grammar (Mi-Fr) (Klasse 7)
4. Stunde: Moral (So-Di) und English grammar (Mi-Fr)
Dann haben wir von 13 bis 14 Uhr frei.
6. Stunde: GK (Klasse 2)
7. Stunde: Gk (So-Di) und Moral (Mi-Fr) (Klasse 3)
Nach der Schule um 16 Uhr geben wir dann noch eine Extralesson für Klasse 5-8.?‍?
Und dann ist der Schultag auch schon vorbei. Wir lesen dann meist oder trinken Tee und unterhalten uns. Viel mehr bleibt uns eigentlich auch nicht zu tuen. Am Abend helfen wir dann beim Kochen und essen später noch draußen, bis die Dunkelheit, die Kälte und der Nebel es unmöglich machen, sich noch länger draußen aufzuhalten.?
Dann ziehen wir uns alles an, was wir haben... momentan trage ich Leggins, Jogginghose, zwei Paar dicke Socken, zwei Schals, ein T-Shirt, ein Langarmshirt, einen dünnen Pulli, eine Fleecejacke und einen Wollpullover. Da wir eh nichts anderes zu tuen haben, legen wir uns dann meist schon ins Bett. Also auf den Boden. Also in drei Decken eingepackt auf den harten Betonboden. Zwischen uns und dem Boden nur zwei dünne Matten.
Naja, ich will ja nicht jammern. Es könnte uns auch schlechter gehen....?‍♀️ Jetzt habt ihr mal einen kleinen Eindruck, was mich in letzter Zeit hier beschäftigt. Natürlich beschäftigt mich noch vieles mehr und die Gespräche mit unserem Gastvater sind auch immer sehr spannend und interessant, die bringen mich oft zum Nachdenken...und ich glaube ich hab zu viel Zeit zum Lesen und/oder die Bücher sind zu gut!? Jedenfalls beschäftigen mich auch deren Inhalte.
Mal sehen, was uns noch so erwartet...